Auszug: Schwarzbuch Soziale Arbeit
3.2.2. Soziale Arbeit als marktwirtschaftliche Unternehmen
Der Einführung der Neuen Steuerung folgte Schritt für Schritt eine konsequente Umstrukturierung des gesamten Sozialbereiches in Richtung Markt, also eine Verschiebung der Sozialen Arbeit vom öffentlichen in den ökonomischen Sektor. Der Paradigmenwechsel der Sozialen Arbeit, der anfangs nur für den öffentlichen Teilbereich gedacht war, bzw. auf diesen beschränkt schien, hat sich inzwischen zum konstitutiven Merkmal des modernen sozialen Dienstleistungssektors insgesamt weiterentwickelt (Dahme / Wohlfahrt 2000, S. 319).
Das Wohlfahrtsstaatsmodell, das über Jahrzehnte hinweg nach den drei Prinzipien
- Sicherstellungsauftrag Sozialer Leistungen durch den Staat,
- Vorzug freier Träger gegenüber dem öffentlichen Träger bei der Übertragung von sozialen Aufgaben (Subsidiarität),
- Selbstkostendeckungsprinzip’
Den Sozialen Sektor gesteuert und finanziert hatte, wurde als gescheitert und als nicht mehr zeitgemäß, vor allem aber als zu kostenintensiv erachtet. Alle Maßnahmen und Verpflichtungen, die mit den neuen gesetzlichen Regelungen zur Marktgestaltung des Sozialen einhergehen, hatten deshalb den offenkundigen Zweck, Mittel einzusparen, Kosten zu dämpfen und Kosteneinsparungen in der Praxis durchzusetzen
(vgl. z.B. Messmer 2007, S.9).
Das fortschreitende Eindringen von Wettbewerbs- und Managementkonzepten in den Sozialbereich bot zudem neue Möglichkeiten für grundsätzliche Strukturveränderungen im gesamten Feld Sozialer Arbeit (vgl. Otto/Schnurr 2000; Galuske 2002), die genutzt werden konnten. Mit den unten darzustellenden neuen gesetzlichen Regelungen wurde weiter und gezielter versucht, auf dem Wege einer effektiveren Ressourcenausschöpfung den Kostenanstieg zu bremsen.
Die radikalen Veränderungen, die sich im Weiteren in den Außenbeziehungen Sozialer Arbeit (etwa in dem Verhältnis der Erbringer der Leistungen zum Staat, dem Käufer der Leistungen oder in der Finanzierung, in der Marktproduktion von Waren, im Wettbewerb etc.) durchsetzen, werden im folgenden Abschnitt näher beleuchtet.
3.2.2.1. Privatisierung öffentlicher Aufgaben
Die Meinung, der öffentliche Sektor sei zu teuer und könne nicht wirklich effizient arbeiten, führte logischer Weise zu einer Entstaatlichung auch der Sozialen Arbeit. Der Privatisierung öffentlicher sozialer Dienstleistungen wird eine effizientere Lösung der Probleme zugetraut.
Ein wesentlicher Schritt bestand deshalb darin, die Einrichtungen und Angebote der Sozialen Arbeit aus dem Kontext öffentlicher und freier Träger heraus zu führen und die Erbringungsverantwortung in die Hände des Marktes, sprich in die Verantwortung von in Konkurrenz befindlichen Unternehmen zu legen. Ein wichtiger Entwicklungsschritt in diesem Prozess war die Öffnung der Sozialen Arbeit für privat-gewerbliche Anbieter. Die erforderlichen rechtlichen Voraussetzungen wurden mit der endgültigen Neuregelung des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG) im Jahre 1996 und der Novellierung des KJHG (Kinder- und Jugendhilfegesetz; SGB VIII) mit dem Paragraphen 78a bis 78g im Jahre 1998 geschaffen.
Auszug aus dem Buch:
„Schwarzbuch Soziale Arbeit“
von Mechthild Seithe
S. 84/85
Verlag für Sozialwissenschaften
ISBN 978-3-531-15492-3












Mai 25th, 2010 at 06:05
Sehr guter Artikel über Anspruch und Wirklichkeit der Sozialen Arbeit.
Es erinnert mich sehr an dem Artikel- “Die verhinderten Retter des Jugendamtes” in der Presse >Zeit< vom 26.05.08.
Der verordnete Sparzwang schafft den Druck, nur noch kostengünstige Alternativen zu schaffen.
Die Sozialarbeit verkommt zunehmend durch Outsourcing, Downsizing, Casemanagement zur Feuerwehr, anstatt Helfer von in Not geratenen Familien zu sein.
Rationalisierungszwang wird zunehmend zur Vorgabe in der Sozialen Arbeit und der Einsatz des Rotstiftes hat hier den Vorrang gegenüber Beziehungsarbeit.
Auch weist die Soziale Arbeit zunehmend einen geringen Stellenwert in der Gesellschaft auf und es wird seit Jahren massiv eingespart, da wo der Widerstand am geringsten ist. Wann gehen die Sozialarbeiter endlich einmal zur Gegenwehr über?
August 14th, 2010 at 09:19
[...] Zustimmungen und Lob von Studierenden und PraktikerInnen gefreut, habe die kleinen Rezensionen, die hier und da erschienen sind, mit Stolz und Erleichterung gelesen, habe mit Befriedigung registriert, [...]